Der Tannhubel – einst und jetzt

Wir schreiben das Jahr 1995. Es ist Frühling, die Schweizer OL-Cracks wärmen sich nach monatelangem Wintertraining auf für ihren ersten wichtigen Wettkampf der Saison: den Saner-Hüssy-Cup. Freudig gespannt warten sie darauf, endlich in den Wald stechen zu dürfen und die über den Winter angesammelte Wettkampflust ausleben zu können. Unter ihnen auch die Gesamtweltcup-Siebte des Vorjahres, Sabrina Meister, und der amtierende Staffel-Weltmeister Thomas Bührer. Ach so, in welchem Wald wir sind? Ja, hier kommt jetzt eben das Brisante: wir sind im Tannhubel! Vor 24 Jahren fand dort nämlich bereits einmal ein bedeutender Wettkampf statt. Parallel zu einem Regionalen organisierte die OLG Herzogenbuchsee damals für die Elite den Saner-Hüssy-Cup. Wie immer zog der Buchser-OL etliche Berühmtheiten an. 1995 schienen besonders zukünftige Politiker auf den Orientierungslauf abzufahren. Auf der Rangliste der Kategorie D18 findet man zum Beispiel eine Dame namens Evi Allemann, heute Regierungsrätin des Kantons Bern. Dank der Tatsache, dass die Überfliegerin in dieser Kategorie, Simone Luder, bereits bei der Elite mitlief, konnte sich Allemann sogar richtig gut platzieren. Ein anderer bekannter Name ist ein gewisser Johann Schneider, der in der Rangliste der Kategorie HAK zu finden ist. Nicht verifizierte Quellen behaupten, der Lauf im schönen Tannhubel hätte ihn so beflügelt, dass er den Schwung die Karriereleiter hinauf bis ganz in den Bundesrat habe mitnehmen können. Wir werden wohl nie genau wissen, ob das stimmt, aber das tut auch gar nichts zur Sache. Ihr wollt doch sicher lieber wissen, wie der Saner-Hüssy-Cup für Sabrina und Thomas ausgegangen ist? Ja, auch ihnen schien der Wald Glück zu bringen und so gewannen sie beide. Sabrina vor Vroni König und der jungen Marie-Luce Romanens und Thomas vor Daniel Hotz und Alain Berger.

In der Annahme, dass der Sieg von damals bei beiden sicher tiefe Spuren hinterlassen hat, haben wir mit Thomas und Sabrina gesprochen und wollten von ihren Erinnerungen an Lauf und Karte hören. Es stellte sich heraus, dass die Spuren tatsächlich tief waren. So tief, dass sie erst nach langem Suchen in Karten- und Gehirnarchiv wieder zum Vorschein kamen. «Dies liegt aber keineswegs am Wald, sondern eher an meinem Gedächtnis», stellt Thomas klar. Er erzählt, dass es sich damals um ein Format bestehend aus zwei Kurzdistanzen gehandelt habe, einem Intervallstart, gefolgt von einem entscheidenden Jagdstart. «Kurzdistanzen waren damals noch eine Seltenheit und eine willkommene Abwechslung», so Sabrina, «und Jagdstart liebte ich sowieso heiss». Sabrinas eingezeichneten Routen auf der Laufkarte aus dem Jahr 1995 zeigen praktisch fehlerfreie Läufe. «Ich lief sehr nahe am Strich, der Wald scheint also ordentlich gut belaufbar gewesen zu sein», erzählt sie. Dies habe sich zwar wohl in 25 Jahren etwas verändert. Ausserdem sei man damals auch die kurzen Walddistanzen auf Karten im Massstab 1:15’000 gelaufen. «Diese Karte war ziemlich detailarm, ich vermute, die heutige Karte wird viel detaillierter sein», sagt Sabrina. Und sie hat Recht. Vergleichen wir doch kurz einen Ausschnitt der Karte von 1995 mit einem der aktuellen Karte:

Vergleich Karte „Tannhubel“ zwischen 1995 und 2019

Obwohl ein Vergleich von Karten in verschiedenen Massstäben oft nur bedingt aussagekräftig ist, kann man sicher feststellen, dass auf der neuen Karte (Bild rechts) mit etwas mehr Farbe gerechnet werden kann, wie es halt im Mittelland heute so der Fall ist. Dies hat aber durchaus auch positive Folgen, wie zum Beispiel spannende Postenstandorte oder interessante Mikroroutenwahlen. Sowieso gibt es viele Gründe, sich auf diesen Wald zu freuen! Die Bahnleger, Severin und Florian Howald, beschreiben das Laufgelände folgendermassen:

«Der Tannhubel ist ein mehrheitlich flacher Mittellandwald. Das Bijou im Oberaargau hat Gebiete mit schnell belaufbarem Moosboden oder mit dichteren Tannendickichten und wartet mit einigen detailreichen Gebieten auf. Die kurzen aber giftigen Rampen werden den Rhythmus des schnellen Laufens brechen. Der Mix aus guter Sicht und Belaufbarkeit sowie unübersichtlichen Postenräumen macht den Tannhubel meisterschaftswürdig!»

Severin und Florian Howald, Bahnleger MOM 2019

Was ist denn nun das beste Rezept für einen sauberen Lauf in diesem Wald? Dazu gehen wir nochmals zurück ins Jahr 1995 und hören uns die inzwischen zumindest teilweise entstaubten Erinnerungen von Thomas Bührer an. Der erste Lauf (mit Intervallstart) gelang Thomas ohne Fehler. Auf der zweiten Runde gab es zwar kleine Ungenauigkeiten aufgrund der «jagenden Meute», welche ihn nervös machte, jedoch reichte es auch damit zu einem klaren Sieg. Genau wie Sabrina verfolgte Thomas die Taktik, so nah wie möglich am Strich zu laufen. Sanfte Tälchen und Mulden würden aber in diesem Wald ein schnurgerades Laufen erschweren, meint er. Thomas beschreibt weiter: «Im Tannhubel gibt es eine Vielzahl Dickichte, welche das Orientieren interessant machen. Weil sie klein sind, muss man ihnen ausweichen, um möglichst schnell laufen zu können, was aber wiederum das Halten der direkten Linie erschwert. Auch gibt es ein dichtes Wegnetz, mit teils unregelmässig verlaufenden Pfaden. Liegen die Wege nah an der Route, gilt es, sie zu nutzen, um ein höheres Lauftempo halten zu können. Die Kombination aus Dickichten und Wegnetz macht die Wahl und Ausführung von Mikrorouten sehr reizvoll.» Angesprochen auf die Taktik an der diesjährigen MOM meint Thomas, trotz Veränderungen in der Waldwirtschaft und seiner eigenen Leistungsfähigkeit werde er auf die gleiche Strategie setzen wie 1995. Die direkte Route sei a priori auch die schnellste. Wege und Dickichte gelte es vorauszulesen, um sie zu nutzen bzw. ihnen auszuweichen. Falls dies gegen Ende des Laufs müdigkeitsbedingt nicht mehr möglich sei, werde er einfach dem Kompasskurs folgen und versuchen, sich rechtzeitig vor dem Posten wieder aufzufangen. Dies sei zwar zugegebenermassen eine riskante Taktik, «ein Leben ganz ohne Risiko macht aber einfach keinen Spass».

Auch Sabrina empfiehlt die direkte Linie. «Nahe am Strich zu laufen und gut auf den Kompass zu achten wird im Tannhubel auch 2019 eine gute Taktik sein» sagt sie, und fügt hinzu: «ich hoffe, dass meine Bahn so gut sein wird, dass ich auch wirklich mal Strich laufen kann…»

Die Bahnleger werden ihr Bestes tun, um Sabrinas Wunsch zu erfüllen. Beim Betrachten der alten Karte und Bahn verspürte sie jedenfalls bereits Vorfreude: «Ich freue mich auf diesen Lauf! Auch weil es eine Mitteldistanz ist. Diese gehört heute nämlich definitiv zu meinen Lieblingsdistanzen».  Wir hoffen, dass auch ihr euch auf den Lauf freut und sind gespannt, wen wir am 13. April zu den nächsten Siegerinnen und Siegern im Tannhubel küren dürfen. In dem Sinne – möge der/die Direkteste gewinnen! 😉

~ Marion Aebi